Essen in China
- Markus
- 28. Okt. 2021
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. März
Das Essen in China ist auf jeden Fall einen Beitrag wert, denn die chinesische Küche zählt zu den besten der Welt.

Wer mit Chinesen Harmonie erleben will, geht mit ihnen am besten essen. Essen verbindet, Essen versöhnt, Essen beeinflusst die Lebensenergie, Essen ist Philosophie. Nach einem Streit ist die Einladung zum Essen die direkte Aufforderung zur Versöhnung. Alle weiteren Worte wären in diesem Fall überflüssig - sogar eher kontraproduktiv.
Beim Essen trifft man Freunde, Familie, Kollegen, man macht Geschäfte, man macht dabei alles.
Um Freunden die Wertschätzung entgegenzubringen, muss man nicht unbedingt nach Hause einladen und für die Freunde kochen, man kann auch essen gehen - es ist preiswert, daher tun es die Chinesen oft.
Garküchen, Hot-Pot-Restaurants, aber auch gehobene Restaurants, die man für Festessen aufsucht, bieten etwas für alle Gelegenheiten und jeden Geldbeutel.

Sauber ist anders, aber so geht es in den Garküchen zu.

Hot Pot-Restaurant
Was ist Hot Pot? Das Gericht stammt ursprünglich aus Sichuan, einer nassen und kalten Provinz, weshalb man man dort SEHR scharf isst. Es ist übrigens die einzige Provinz, in der es wild lebende Pandas gibt. Man sagt, die Schärfe verursache Hitze im Körper, die gegen die Kälte und Feuchtigkeit der Region helfe. Der Hot Pot ist aber mittlerweile ein landesweit verbreitetes, sehr populäres Gericht und daher bekommt man ihn überall, begehrt ist er vor allem in den Wintermonaten. Er ist vergleichbar mit einem Fondue. Man kocht allerlei leckere Dinge in einem Sud, fischt sie heraus und isst sie mit Sesamsoße oder Soja mit Essig, eingelegtem, zerstampften Knoblauch und Koriander usw. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Den Schärfegrad des Suds kann man wählen oder man bestellt gleich einen Hot Pot mit zwei Schärfegraden in einem Gefäß mit Trennwand für beide Suds.

Hot Pots, die auf ihren Einsatz warten
Auch ich erlebte direkt am Anfang meiner schulischen Tätigkeit die chinesische Gastfreundschaft. Am ersten Tag ging es in der Mittagspause in ein gutes Restaurants, eingeladen von der Schulleitung, begleitet von einigen Kollegen, die wichige Positionen innehaben oder täglich mit mir arbeiten.
Wir bekamen einen separaten Raum zugeteilt, saßen an einem großem runden Tisch mit drehbarer Platte und dann wurde aufgetischt.
Die Gerichte stehen wie bei einem Buffet auf der Platte und man dreht die gewünschte Speise herbei. Davon nimmt man kleine Portionen mit Stäbchen, legt sie in sein Schälchen, aus dem man isst. Zum Nachlegen wie zum Essen werden dieselben Stäbchen benutzt. Wer darauf empfindlich reagiert, weil er sich vorstellt, wie sich der Speichel aller Gäste in den Gerichten mischt, hat schlechte Karten. So ist das hier nun mal.
Beim ersten Bissen, den man von einer Speise probiert, nickt man wohlwollend und anerkennend, wenn es gut schmeckt.
Während des Essens sind die Speisen ein Gesprächsthema, man wird gefragt, welche besonders gut schmeckt, man redet über die regionalen Küchen Chinas und ihre Eigenarten, von der wohltuenden heilsamen Wirkung einer heißen Entensuppe im Herbst usw.
Eine solche Entensuppe wurde bei meinem WiIllkommensessen auch serviert. In einer großen Terrine, die auf offenem Feuer am Tisch kochte und dampfte, schwamm eine komplette Ente mit Kopf, Schnabel und allem, nur gerupft und ausgenommen war sie.
Wenn man sich darauf einlässt und die Chinesen spüren, dass man echte Freude an ihrer Esskultur hat, ist viel gewonnen. Mein spanischer Kollege mag chinesische Küche nicht und weicht auf Burger King und Kentucky Fried Chicken aus. Das kommt in China nicht gut an.
Auch als ich mit Schülern im Unterricht über interkulturelle Kompetenzen im Berufsleben diskutierte, waren sich alle einig, dass bei Begegnungen mit Geschäftspartnern ein gemeinsames Essen dazugehört, um wichtige Vereinbarungen zu treffen oder Verträge abzuschließen. Diesen Teil der chinesischen Kultur sollte man keinesfalls übergehen. Man könnte ein Geschäft vermasseln.

Interessant auch, wenn man in den ersten Stunden als neuer Lehrer die Schüler in einer Kennenlernrunde nach den Hobbiesder Schüler fragt. Nicht selten wird erwähnt: Kochen. Interessanterweise vor allem von den Jungen. In jeder Klasse einige. Und ich wurde oft von den jungen chinesischen Hobbyköchen gefragt, was man in der Region isst, aus der ich komme. "Hmm, Pumpernickel, Westfälischer Schinken, Steinhäger, Apfelkraut, Reibekuchen, Panhas ..." Wie erklärt man das Chinesen?



Auch ein Klassiker der chinesischen Küche: Hühnerfleisch, Erdnüsse und extra scharf Chilli-Schoten. Ich konnte die Chilli-Schoten nicht essen. Es war unerträglich scharf.
Während ich hier so vor mich hin tippe, sitze ich im stillen Lehrerzimmer. Es gab vor einer halben Stunde Mittagessen und ich bin umgeben von Kollegen, die alle - man glaubt es nicht - ihre Sitze in Liegeposition zurückgelegt haben und kollektiv Mittagsschlaf halten. Dieser Mittagsschlaf ist ein chinesisches Ritual nach jedem Essen.
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Aber zurück zum Essen:



Wann immer man die Straße betritt, auf der es in China grundsätzlich geschäftig wuselt, sieht man hauptsächlich Menschen, die entweder Essen transportieren oder verkaufen oder zubereiten oder zu sich nehmen. Man hat den Eindruck, dass zwei Drittel der Geschäfte aufs Essen ausgerichtet sind.

Man betritt einen Family Mart, eine Art Trinkhalle, Späti oder Kiosk nach chinesischer Art, und riecht den Duft von Tee-Eiern, jene gekochten Eier, deren Schale rundherum angeknackst wird, damit das Aroma des Suds aus Teeblättern und Sojasoße, Ingwer, Sake, Zucker, Salz, Szechuan-Pfeffer, Lorbeer in sie eindringen kann. In diesem heißen Sud liegen sie den ganzen Tag, sehen abenteuerlich aus und man fragt sich, wie lange sie da schon vor sich hin simmern, aber wenn man sie probiert, entfaltet sich ein wunderbarer Wohlgeschmack im Mund.

Alles wird in den Garküchen grundsätzlich frisch zubereitet.
Morgens sieht man, wie Hefeteig geknetet und portioniert wird, Fleisch auf Spieße gesteckt wird. Nichts davon kommt aus der Fabrik, nichts wird fertig angeliefert. Hier würde man die Einrichtung einer Bäckerei am Stadtrand und das Anlieferverfahren vermutlich für zu aufwendig halten. Da macht man lieber alles gleich selber. Es ist ja auch geselliger, weil nebenan die anderen Geschäfte geöffnet sind. Man sich kennt und stellt jeden Morgen aufs Neue fest, dass der Nachbar da ist und es ihm gut geht.
Die Garküchen schließen erst dann, wenn alles verkauft ist. Altes Essen wird man in China nicht bekommen.
Oft weiß man nicht, was in den Garküchen verkauft wird, aber man wird neugierig, probiert es, mag es, kauft es am nächsten Tag wieder, so dass der Besitzer der Garküche einem nach einigen Tagen schon das Richtige heraussucht, wenn man sich nähert . Man stellt fest, dass man genau das kauft, was auch Chinesen gern frühstücken. Irgendwann nimmt man sich morgens beim Frühstück in der Schule eine Ölstange - eine längliches Stück Hefeteig, das in Öl ausgebacken wurde, tunkt es in seine Sojamilch und merkt, dass man damit die chinesischen Kollegen verblüfft, weil es so typisch chinesisch ist, eine Ölstange in Sojamilch zu tunken..
Noch etwas zu den Manieren :)
Eines Abends saß ich in einem einfachen, aber richtig guten Fischrestaurant, hatte mich wie immer durch die Speisekarte gequält und mit viel Aufwand dem Kellner klar gemacht, dass ich etwas ähnliches haben will wie die Leute am Nebentisch.
Da saßen zwei Männer und eine Frau und schlemmten Dinge, die bei uns eher in die Gourmetkategorie gehören würden. Schalentiere, Tintenfisch - alles, was das Meer an Exotik hergibt. Es waren vermutlich einfache Leute, sie tranken Bier aus Flaschen, rauchten und warfen die Kippen und die Asche auf dem Boden, während die Frau, deren Schuhe kreuz und quer unter dem Tisch lagen, ununterbrochen und lautstark auf die beiden Männer einredete. Süditalien ist nichts dagegen.
Der Platz, an dem die drei saßen, sah nach ihrem Weggehen abenteuerlich aus. Der Tisch wurde abgeräumt, abgerückt, ein Putzkommando rückte an und machte alles sauber für die nächsten Gäste. Übrigens ist das keine Ausnahme, Chinesen kennen keine Aschenbecher, es ist hier Usus, die Asche und die Zigaretten im Restaurant auf den Boden zu werfen.
Als sie gingen, war ziemlich viel auf den Tellern übrig, denn Chinesen essen den Teller nicht immer leer. Auch wenn man eingeladen ist, sollte man immer einen Rest übrig lassen, damit der Gastgeber weiß, dass er genug aufgetischt hat. Wird der Teller leer gegessen, signalisiert man, dass man noch Hunger hat, so dass mehr aufgefahren wird. Außerdem zeigt es dem Gastgeber, dass er nicht großzügig genug war.
Zu Hause wird alles aufgegessen, denn der Wert des Essens wird geschätzt, eben weil noch relativ junge Generationen Hunger kennengelernt haben.


Man kann in Schanghai zweifelsohne die gesamte Palette westlicher Küchen bekommen, vor allem im Jing'an-Bezirk. Das macht auch manchmal Spaß, aber das authentische China erlebt man außerhalb des Zentrums. Ich gehe gern in diese Restaurants in typisch chinesischen Vierteln. Es ist laut, die Gäste trinken viel und werden dadurch noch lauter, aber man ist mittendrin.
Nicht selten falle ich auf, weil sich wohl kaum ein Westler dort blicken lässt. Und dann kommt es vor, dass man auf Schnaps und Bier eingeladen wird. Wenn man gut Chinesisch könnte, würde man sicher Abende erleben, die man nicht mehr vergisst. Chinesen lachen viel, interessieren sich wenig für die Probleme dieser Welt, sondern leben und genießen lieber.

Stolz präsentiert mir der Tischnachbar diesen 58prozentigen Schnaps, bevor ich davon auch ein Glas bekomme.

Ich glaube, man geht nicht zu weit, wenn man behauptet, dass man einen Chinesen mit einem reich gedeckten Tisch und einem Essen im Kreise seiner Familie am glücklichsten machen kann.
Zu guter Letzt kommt bei mir wieder der Cineast durch mit seiner Liebe fürs chinesische Kino.
Im Film "Eat Drink Man Women" spielt das Essen eine zentrale Rolle.
Zwar geht es in dieser feinsinnigen Komödie um etwas ganz anderes, nämlich einen Vater, dessen drei Töchter völlig unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben, am Ende des Film jedoch in völlig gegensätzlichen und unerwarteten Lebenskonzepten landen, aber das Essen ist immer dabei, nicht zuletzt, weil der Vater von den Dreien ein berühmter Chefkoch in China ist.
Hier ein Link zu den beeindruckenden Kochszenen aus "Eat Drink Man Woman":